Die psychologischen Bedingungen einer wachstumsfördernden Beziehung

Das die Ursprünge konstruktiver Veränderungen bei Menschen in ihren Beziehungen zu anderen wichtigen Personen liegen war für mich eine entscheidende Erkenntnis. In Ihr liegt der Schlüssel für Fortschritt, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein in Unternehmen. Daher die Frage nach den Rahmenbedingungen für diese konstruktive Entwicklung.

Rogers definierte die entscheidenden psychologischen Bedingungen, die in Beziehungen erfüllt sein müssen, um ein wachstumsförderndes Klima zu erzeugen. Es sind dies die drei Bedingungen: Kongruenz, Empathie und die bedingungsfreie positive Beachtung (Wertschätzung) die in allen Beziehungen, ob in einer Therapie, in einer Familie oder im beruflichen Kontext, zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter, erfüllt sein müssen, um die persönliche Entwicklung einer Person (Klient) zu unterstützen.

Kongruenz

Kongruenz bezeichnet das „sich selbst Sein” oder das „Echt sein” eines Menschen. Je mehr ein Vorgesetzter, ein Berater, etc. „sich selbst” in einer Beziehung sein kann, ohne persönliche Fassade, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Klient/Mitarbeiter sich ebenfalls in einer konstruktiven Weise verändert. Der kongruente Vorgesetzte wird in der Beziehung für den Mitarbeiter transparent und dieser kann erkennen, welche Rolle der Vorgesetzte für Ihn in der Beziehung übernimmt. Die Durchschaubarkeit der Beziehung ist eine der Voraussetzungen für den Aufbau einer nicht-bedrohlichen und vertrauensvollen Atmosphäre.

Der „echte” Vorgesetzte versucht möglichst wenig Kontrolle über den Klienten auszuüben und behindert somit nicht dessen Entwicklung.

Rogers betont, dass zum „Echt sein” auch die Notwendigkeit der Konfrontation in der Beziehung gehört. Es setzt die Bereitschaft voraus, Einstellungen, die sich hartnäckig immer wieder in den Vordergrund schieben, zu äußern, vor allem aber auch negative Einstellungen, da die positiven sich ziemlich leicht aus Verhalten und Tonfall erschließen lassen. Real sein heißt, Barrieren überwinden.

Ein kongruenter Mensch wirkt als Vorbild für den Klienten, da er sich in der Beziehung selbst erlaubt, so zu sein wie er ist, und der Klient diese Freiheit nun ebenfalls für sich gewinnen möchte.

Empathie

Empathisch zu sein beutet, den inneren Bezugsrahmen des Anderen möglichst exakt wahrzunehmen, mit all seinen emotionalen Komponenten und Bedeutungen, gerade so, als ob man die andere Person wäre, jedoch ohne jemals die Als-ob Position aufzugeben sagt Rogers. Der von Rogers angesprochene innere Bezugsrahmen ist nach phänomenlogisch-konstruktivistischer Theorie eine von jedem Menschen individuell konstruierte Sichtweise der Welt. Wie die Welt eines Menschen aussieht, äußert sich in seiner Selbstoffenbarung.

Ohne empathische Beziehung sitzen wir daher wie in einem Gefängnis. Wir geraten dort hinein, wenn wir keinen Austausch in Beziehungen mit anderen Menschen haben. Rogers betont: „Viele, viele Leute leben heute in ihrem eigenen Verlies, Leute, die äußerlich kein Anzeichen davon zu erkennen geben, bei denen man sehr scharf hinhören muss, um die leisen Botschaften aus dem Verlies zu vernehmen.” Um diesen inneren Bezugsrahmen zu erforschen, muss man erst einmal hinhören und die Botschaften aus dieser Welt vernehmen. „Wenn mir jemand zuhört und ich verstanden werde, dann bin ich wieder fähig, meine Welt neu wahrzunehmen und weiterzuleben.

Gewöhnlich vermeiden wir Empathie, da wir den Menschen nicht zu nahe treten, ihre Intimsphäre nicht stören wollen. Eher ungeübt im empathischen Verstehen, empfinden wir eine Angst, mit unseren Interpretationen daneben zu liegen. Rogers möchte uns durch seine Erfahrungen jedoch Mut machen. „Bei Klienten in der Therapie beeindruckt mich oft die Tatsache, dass sogar ein Minimum an empathischem Verständnis – ein ungeschickter und fehlerhafter Versuch, die verworrene Komplexität der Sinneszusammenhänge zu erfassen – hilfreich ist. Durch Empathie holen wir die Menschen bei ihren selbst wahrgenommenen Potentialen ab. Empathie ist somit auch eine wichtige Voraussetzung für alle Arten von Lernprozessen in Schule und Wirtschaft. Konstruktives Lernen und Veränderung sind in einem empathischen Umfeld eher möglich.” (Rogers, 1980, S. 85)

Unconditional positive regard – Wertschätzung

Ich habe bewusst für die dritte Rogersche Bedingung einer fördernden Beziehung den englischen Ausdruck gewählt, da er besser als der deutsche Ausdruck „Wertschätzung” die erforderliche Haltung beschreibt. The third „attitude of importance in creating a climate for change is acceptance, or caring or prizing – unconditional positive regard. (…) It involves the therapist´s willingness for the client to be whatever feeling is going on at that moment – confusion, resentment, fear, anger, courage, love, or pride. It is a nonpossessing caring”.

Es bedeutet also, Menschen anzunehmen, zu schätzen und zu akzeptieren, ungeachtet der verschiedenen Bewertungen, die man selbst ihren unterschiedlichen Verhaltensweisen gegenüber einnimmt. Es  fällt oft schwer, auf Urteile zu verzichten. Ein wertschätzendes Verhalten akzeptiert die Äußerungen von defensiven, feindseligen, negativen oder schmerzlichen Gefühlen des Gegenübers in gleicher Weise wie die Äußerungen von anerkennenden, reifen oder positiven Gefühlen. Leider werten Vorgesetzte das destruktive Verhalten eines Mitarbeiters oft als persönlichen Angriff und reagieren mit einer entsprechenden Abwehrhaltung darauf.

Natürlich wäre es unrealistisch, andere Menschen immer nur bedingungslos positiv zu beachten, aber wir sollten uns der Folgen bewusst sein. Konstruktive Veränderung ist weniger wahrscheinlich, wenn eine bedingungsfreie positive Beachtung in der Beziehung nicht umgesetzt wird.

Wir verstehen Wertschätzung häufig unter dem Aspekt des Lobes, der Prämierung erwünschten Verhaltens. Dabei ist Vorsicht geboten, denn an Bedingungen gebundenes Lob dreht sich dann zu einer negativen Bewertung, wenn die Bedingungen nicht erfüllt werden. Reinhard Sprenger sagt dazu folgendes: Im Bestrafen wie auch im Belohnen ist immer ein Achtungsgefälle eingebaut.

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